Kühnhauser Goaßlschnoizer

 

"Tradition ist nicht das Halten der Asche,

sondern das Weitergeben der Flamme"

(Thomas Morus,1478–1535, englischer Staatsmann und Humanist)

Kühnhauser Goasslschnoizer

Interessantes über's Goaßlschnoizn

Das Goaßlschnoizn

im Allgemeinen und in der Marktgemeinde Pöttmes im Speziellen

Grundsätzliches über‘s Goaßlschnoizn

In Bayern heißt die Fuhrmannspeitsche „Geißel” und je nach Dialekt folglich „Goaßl“, „Goißl“ usw. Das Krachen der Geißel heißt „schnalzen“, „schnöllen“, „schnoizn“, etc. Bei uns im Wittelsbacher Land sagt man also „Goaßl“ und „schnoizn“ und nennt die Leute die Goaßlschnoizer.

Beim hier beschriebenen sog. Miesbacher Goaßlschnalzen ist immer die Fuhrmannsgoaßl gemeint. Nicht zu verwechseln mit der kurzstieligen aber mit einer wesentlich längeren Schnur versehenen Karbatsche, wie sie z.B. beim sog. Aperschnalzen vor allem im Rupertiwinkel Verwendung findet.

Die Fuhrmannsgoaßl ist langstielig und besitzt eine dem Stiel vergleichbar lange Schnur, den (Goaßl-)Strick. Der biegsame Stiel -der „Goaßlstecken“- misst etwa 1,40 m und verjüngt sich nach oben hin zur Spitze. An der Spitze befindet sich die Öse. Im Gegensatz zu früher, als die Goaßlstecken noch aus Holz oder Peddigrohr bestanden, sind die Goaßlstecken heute fast ausschließlich aus Glasfiber.
Über eine etwa 5 cm lange, feine Schnur oder ein geschmeidiges Leder, dem sog. „Aufhänger“,  ist der 110 bis 120 cm lange, aus Hanf geseilte Goaßlstrick flexibel an der Öse befestigt. Der Goaßlstrick verjüngt sich nach unten zu einer kleinen Schlaufe.
In der kleinen Schlaufe hängt dann eine aus einer dünnen Schnur gedrehte Quaste, die sog. „Schmitzn“. Die Schmitzn ist heutzutage eine Nylon-, bzw. Kunststoffschnur, ähnlich einer Maurerschnur. Die Schmitzn ist zum Schnoizn entscheidend, denn durch sie wird das Schnoizn erst möglich.
Die Entstehung des Knalls hat der frühere Chefarzt des Kreiskrankenhauses Prien, Dr. Rupert Dorrer 1978 wie folgt beschrieben: „Durch äußerst schnelle Bewegung erzeugt die kleine Quaste (die Schmitzn) der Goaßlschnur ein Vakuum. Es entsteht innerhalb einer 1000stel Sekunde ein luftleerer Raum. Durch dieses Vakuum stößt die Luftsäule wieder zusammen und ergibt den Knall.“

Zwei Mathematiker der University of Arizona haben die Physik der Peitsche genau berechnet. Die Wissenschaftler haben mit ausgefeilter Fotographietechnik die Endgeschwindigkeit der Schmitzn ermittelt: Man mag es kaum glauben, doch das Ende bewegt sich mit 2-facher Schallgeschwindigkeit. Beim Goaßlschnoizn hören wir also einen richtigen Überschallknall, wie bei einem Düsenjet. Die Beschleunigung der Schlaufe ist von Null auf 2000 km/h in einer Sekunde, also das 50.000fache der Erdbeschleunigung. Der erste Mensch, der die Schallmauer durchbrach, war also nicht ein Jetpilot sondern ein Goaßlschnalzer!* (*Quelle: ARD „Wissen vor Acht“–Warum knallt die Peitsche?“)


Zur Erzeugung des Knalls gehören nicht nur Kraft und Energie, sondern auch Eleganz, Technik und Ausdauer. Die Oberlandler Schnalzer unterscheiden mehrere Formen von Schlägen:

  • den einfachen Schlag – d.h. einen Schlag, bei dem einfach immer wieder ausgeholt und (Vorhand oder Rückhand) geschlagen wird
  • den Doppelschlag, den „Doppelten“ – das ist der traditionelle Fuhrmannsschnalzer, hin und zurück bzw. links und rechts (Vorhand und Rückhand)
  • den Triangl, den kompliziertesten und schwierigsten Schlag – d.h. zwischen den Doppelschlägen wird ein zusätzlicher Schlag eingeschoben, allerdings in doppelter Geschwindigkeit, dass es insgesamt 5 Schläge ergibt.

Historie und Entstehung des heutigen Brauches

In früheren Jahrhunderten wurde von vielen Fuhrleuten bei der Einfahrt in Ortschaften oder bei anderen Gelegenheiten mit der Peitsche geknallt. Das Schnalzen war eine Freude für die Bauern und Fuhrleute gewesen. Wenn man mit den Fuhrwerken die langen Wegstrecken von der Wiese zum Hof, vom Wald zur Säge oder als Bote mit Lasten unterwegs war, vertrieb man sich die Zeit und vergnügte sich mit einigen Schnalzertakten.

Zur Unterscheidung von anderen Fuhrwerken setzten die Fuhrleute immer spezifischere Knallfolgen ein. Es entstanden bestimmte Schlagarten wie der Vorhandschlag, der Rückhandschlag und der Doppelschlag, später auch der Triangl. Im Laufe der Zeit entstanden so Erkennungsmelodien. Die Fuhrleute erfanden sogar eigene Schnalzerweisen und die einzelnen Fuhrmänner waren schon von weitem an ihren bestimmten Schlagrhythmen und Melodien zu erkennen.  Und jeder Fuhrmann wusste in den Ortschaften die Stellen von denen das Schnalzen am besten widerhallte. Beim Vorbeifahren schnalzte man sich zu und freute sich über diese Begrüßung.

Das Schnalzen hatte aber auch einen praktischen Hintergrund. Es diente der Verständigung und war quasi die Hupe oder Glocke der Fuhrwerke. Wenn man in eine der vielen Hohlgassen hineinfuhr oder eine Engstelle zu passieren hatte schnalzte man recht kräftig, damit ein anderer Fuhrmann, der evtl. von der anderen Seite einfahren wollte, wartete.


Die eigentliche Revolutionierung des Brauches und die damit verbundene entscheidende Neubelebung brachten die Priener dann im Jahr 1963. Sie unterlegten im besagten Jahr anlässlich des Bayerischen Zentral Landwirtschaftsfest (ZLF) die Schnalzerweisen mit Musik. Die Priener hatten sich zusätzlich zu dem vom Landwirtschaftlichen Wochenblatt für das ZLF 1963 ausgerufenen Wettbewerb im Einzelschnalzen, als einzige auch als Gruppe angemeldet, welche dann dort mit umwerfendem Erfolg mit Musik auftrat. Damit änderten sich auch die ursprünglichen Schnalzerrhythmen und es entstanden in der Folge an Stelle der Einzelschnalzer, Gruppen mit mehreren Schnalzern. Geändert hat sich in der Folge auch die Trägerschaft dieses Brauchtums, denn nichtmehr Bauern und Fuhrleute, sondern vor allem junge Angehörige von Heimat- und Trachtenvereinen lernten jetzt das Schnalzen. So begründeten die Priener also eine neue Form des Brauchtums, welche allerdings im alten überlieferten Kulturgut der Fuhrleute und Bauern verankert ist.

Goaßlschnoizn in der Marktgemeinde Pöttmes und im Wittelsbacher Land

Wie das Goaßlschnoizn nach Pöttmes kam

Im Jahr 1973 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Heimat und Volkstrachtenvereins Pöttmes traten am Heimatabend die "Waakirchner Goaßlschnalzer" auf. Die Schnalzbegeisterung sprang über und während dieser Veranstalltung kam der Gedanke auf "des kenna mia doch a". Daraufhin gründeten acht Gleichgesinnte die hiesige Schnoizergruppe.
Bereits 1974 waren die Pöttmeser Goaßlschnoizer das erste mal beim Schnoizertreffen in Miesbach dabei und schon beim Wertungsschnalzen 1975 in Miesbach (damals noch nicht als Bayerische Meisterschaft ausgetragen) belegten die Pöttmeser den dritten Platz. Auch in den folgenden Jahren war Miesbach für die Pöttmeser immer ein Meilenstein und eine Fundgrube in Sachen Goaßlschnoizn.

Im Jahr 1976 errichteten die Pöttmeser Goaßlschnoizer ein Wegkreuz das den Wanderer zum kurzen Verweilen und Betrachten der Heimat anhält.

Den Fortbestand des Goaßlschnoizens in Pöttmes sicherten einige junge Burschen die sich 1985 zusammen fanden und die Tradition aufrechterhielten. Das 15-Jährige Bestehen der Goaßlschnoizergruppe wurde dann 1988 mit einem großen Goaßlschnoizertreffen gefeiert.

Die junge Truppe belegte dann auch 1989 beim „Miebacher Goaßlschnalzen“, welches im besagten Jahr als „1. Bayerischen Meisterschaft“ ausgetragen wurde, einen respektablen 10. Platz. Auch in den folgenden Jahren wurden viele Auftritte (darunter Spanien und Ungarn) absolviert und das Goaßlschnoizn als Ausdruck der Lebensfreude gepflegt.

Mitte der 1990er Jahre versiegte dann leider das Goaßlschnoizn in der Marktgemeinde Pöttmes.

Goaßlschnoizn in Kühnhausen und im Wittelsbacher Land

Das Goaßlschnoizn wiederaufleben ließ dann 2009 eine zehnköpfige Männertruppe aus Pöttmes und Kühnhausen, die das traditionsreiche Peitschenschwingen mit Hilfe einiger Pöttmeser "Altmeister" wieder erlernte. In der Großgemeinde lebte damit ein uralter bayerischer Brauch wieder auf, der in den 70er und 80er-Jahren in Pöttmes ganz besonders gepflegt wurde.
Nach einem Jahr üben konnte die neu formierte Truppe, die sich nun „Kühnhauser Goaßlschnoizer“ nennt, 2010 die ersten öffentlichen Auftritte bei lokalen Heimatabenden hinter sich bringen.
Im Jahr 2012 schlossen sich der Gruppe weitere Mitglieder aus dem ganzen Gebiet des Landkreis Aichach Friedberg an. Zudem zählt nun zu der Schnoizergruppe auch eine Frau. Man kann also zu Recht sagen, das Goaßlschnalzen ist seitdem ein Bestandteil des gesamten Wittelsbacher Landes.

Seit 2012 sind nun die „Kühnhauser Goaßlschnoizer“  auf den verschiedensten Veranstaltungen, regionalen und überregionalen Volksfesten aktiv.


Das Ziel der „Kühnhauser Goaßlschnoizer“ ist es, die in der Marktgemeinde Pöttmes seit langem gepflegte Tradition des Goaßlschnoizens wieder auf- und fortleben zu lassen. Wir möchten diesen schönen Brauch auch im Wittelsbacher Land am Leben erhalten, pflegen und möglichst vielen Menschen nahebringen.

Quellangaben

Literatur: „Das Miesbacher Goaßlschnalzen“ von Dr. Gerhard Maier

Internet: www.wikipedia.de, www.kuehnhauser-goasslschnoizer.de, www.daserste.de

   


 


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Videos:

augsburg.tv "Im Wittelsbacher Land":Goaßlschnoizer